Wollen wir das Stillen tatsächlich wirksam fördern? Dann müssen wir der Industrie die Stirn bieten und strukturelle Barrieren abbauen.

Sechs Monate lang nur Muttermilch, und danach neben geeigneter Beikost weiter stillen bis zum Alter von zwei Jahren und darüber hinaus: So lautet die weltweite Stillempfehlung. Viele Mütter, die stillen wollen und stillen könnten, werden daran gehindert. WHO und die Fachzeitschrift Lancet  zeigen auf, wie das passiert – und wie es geändert werden kann. Sie haben ein großes Team weltweit führender Wissenschaftler*innen zusammengetrommelt, das eine umfangreiche Analyse erstellt und Empfehlungen erarbeitet hat. Die Ergebnisse wurden als dreiteilige Serie am 7.2.2023 im Lancet veröffentlicht.

Stillen ist „Teil unseres artspezifischen biopsychosozialen Systems, entstanden während der Entwicklung der Säugetiere, um Gesundheit und Überleben sowohl der Mütter als auch der Kinder zu optimieren.“ Dieses Potential liegt heute oft brach. Strukturelle Einschränkungen bewirken, dass viele Mütter früher abstillen als sie wollten. Die Autor*innen der Serie betonen: Gelingendes Stillen zu ermöglichen, ist eine gesellschaftliche Verantwortung. Sie zeigen auf, was getan werden muss, um dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Praktische Stillunterstützung

Die Stillraten können innerhalb kurzer Zeit verbessert werden, wenn ...

bereits erprobte Maßnahmen für praktische Stillunterstützung systematisch ausgeweitet und auf verschiedenen Ebenen miteinander verzahnt werden. Zum Beispiel kann die Umsetzung der Initiative Babyfreundlich in den Geburtskliniken ein Sprungbrett sein für daran anschließende Unterstützung in den einzelnen Familien und auf kommunaler Ebene.

Für frühes Zufüttern und Abstillen nennen die Mütter als häufigsten Grund, dass ihre Milch nicht ausgereicht habe. Kompetente Beratung kann diesem Problem meistens vorbeugen bzw. es lösen. Normales, entwicklungsbedingtes Verhalten von Säuglingen wird oft als Stillproblem fehlgedeutet, zum Beispiel Weinen, Spucken, häufiges Trinken und kurze Schlafphasen. Die Babynahrungsindustrie benutzt und verstärkt diese Wahrnehmung, um als Problemlösung ihre Produkte anzubieten. Auch hier sollten Eltern und Öffentlichkeit über das normale Säuglingsverhalten kompetent informiert werden. Kompetente Beratung setzt eine gute, industrieunabhängige Aus- und Fortbildung zum Stillen voraus.

Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten (s. auch Das Geschäft mit der Muttermilch)

Kommerzielle Milch-Formulanahrung (commercial milk formula, CMF) soll bei Bedarf zur Verfügung stehen. Die Vermarktung zielt allerdings darauf ab, den Verkauf weit über den Bedarf hinaus zu steigern, auf Kosten des Stillens. Der weltweite Umsatz betrug 1978 US$ 1,5 Milliarden und stieg bis 2019 auf ca. US$ 55,6 Milliarden. Die Vermarktung folgt einem ausgeklügelten System.

  • Eltern und allgemeine Öffentlichkeit werden mit direkter Werbung angesprochen. Über das Internet werden von Schwangeren und Müttern Daten gesammelt und für zielgenaue Werbung genutzt. Social media und Influencer*innen ermöglichen mehr oder weniger verdeckte Werbung mit großer Reichweite. Allgemeine Einstellungen und Normen werden so beeinflusst.
  • Im Gesundheitssystem unterstützen die Firmen einzelne Personen und Berufsverbände mit Honoraren, Zuschüssen und Geschenken, Sponsoring von Fortbildungen und Arbeitsmaterialien. Sie positionieren sich als zuverlässige Partner und seriöse Informationsquelle. Durch die Finanzierung von Forschung nehmen sie Einfluss darauf, was als Evidenz veröffentlicht wird. Sie gewinnen Meinungsführer*innen für sich und beeinflussen Leitlinienkommissionen und andere Gremien, die über Stillempfehlungen und Stillfördermaßnahmen entscheiden.
  • Im politischen Bereich finden Lobbyarbeit und Vernetzung statt. Dabei helfen auch Frontgruppen wie z. B. Handelsverbände. Bei den Treffen des Codex Alimentarius, wo internationale Standards für Nahrungsmittel beschlossen werden, nehmen Industrievertreter als Beobachter teil. Zusätzlich stellen sie in den nationalen Delegationen 28% der stimmberechtigten Mitglieder. Über die Standards des Codex Alimentarius und über die Welthandelsorganisation (World Trade Organisation WTO) wird dann Druck auf Länder ausgeübt, die die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten stärker regulieren wollen. Länder mit starker Milchindustrie (USA, EU, Australien, Neuseeland) unterstützen oft diese Industrieinteressen, was unvereinbar ist mit der von ihnen erklärten Absicht, das Stillen zu fördern.

Die Autor*innen stellen fest: Dieses Vermarktungssystem nützt den Aktionär*innen und schadet dem Stillen, der Gesundheit, dem Klima, der objektiven Evidenz und Information und den Rechten der Verbraucher*innen. Sie fordern, das Marketing für Muttermilchersatzprodukte und die Einmischung der Firmen in nationale und internationale Beschlussfassungen zur Säuglingsernährung zu beenden. Sie schlagen dafür einen internationalen Rahmenvertrag vor. Dieser soll u. a. die Länder verpflichten, den Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten in vollem Umfang in ihre nationale Gesetzgebung aufzunehmen.

[Anmerkung: Für die europäischen Länder hat die WHO-Europa ein Modellgesetz vorgelegt.]

Politische Ökonomie

Stillen ist ein spezifischer Teil der Sorgearbeit für Säuglinge und Kleinkinder. Unbezahlte Sorgearbeit, die überwiegend von Frauen geleistet wird, wird bei der Berechnung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) nicht berücksichtigt. Damit bleibt der Beitrag dieser Sorgearbeit zum Wohlstand und zur gesellschaftlichen Entwicklung unsichtbar. Höhere Verkaufszahlen für Muttermilchersatzprodukte hingegen steigern das BIP und sehen damit für die Wirtschaftsförderung attraktiver aus als Stillfördermaßnahmen. Das beeinflusst auch die Verteilung von Ressourcen.

Stillen und Muttermilch tragen wesentlich zur Ernährung der Säuglinge und Kleinkinder und zu deren Ernährungssicherheit bei. Bei der statistischen Erfassung der Nahrungsmittelproduktion wird dies zur Zeit nur In Norwegen mitgezählt. Mit dem neu entwickelten Mothers Milk Tool lässt sich für jedes Land sowohl die Menge als auch der finanzielle Wert der Muttermilchproduktion berechnen. [Anmerkung: Für Deutschland sind dies aktuell ca. 21,2 Millionen Liter Muttermilch im Jahr im Wert von ca. 1,83 Milliarden Euro. Siehe Einundzwanzig Millionen Liter Muttermilch und mehr.]

Die Bedingungen rund um den Mutterschutz beeinflussen die Chancen zum Stillen erheblich. Je länger der Mutterschutz und je besser die Unterstützung für das Weiterstillen im Beruf, desto besser sind die Möglichkeiten der Mütter zum Stillen und desto mehr Mütter stillen.

Gesundheitssysteme haben die Verantwortung, das Stillen zu schützen, zu fördern und zu unterstützen. Dabei zeigen sich erhebliche Mängel auf verschiedenen Ebenen. Übertechnisierte und übermedikalisierte Versorgung rund um die Geburt ist nicht frauenzentriert und untergräbt das Stillen. In der beruflichen Aus- und Weiterbildung der Fachleute wird Stillen kaum berücksichtigt; dieses Defizit gibt den Babynahrungsfirmen die Chance, Fortbildungen passend zu ihren Vermarktungsstrategien anzubieten. Eine akzeptierende Haltung gegenüber der Einflussnahme der Firmen führt zu weit verbreiteten Interessenkonflikten. Unzureichende Finanzierung ist ein Anreiz für Kliniken, das Stillen weniger zu unterstützen und Zuwendungen der Babynahrungsindustrie anzunehmen.

„Stillen liegt nicht in der alleinigen Verantwortung der Frauen. Es erfordert gemeinsame gesellschaftliche Herangehensweisen, die geschlechtsspezifische Benachteiligungen berücksichtigen.“

Copyright: Utta Reich-Schottky, März 2023 (Hier der Artikel als PDF zum Downloaden)

Lancet-Serie zum Stillen 2023 

  • The Lancet (2023). Unveiling the predatory tactics of the formula milk industry.
  • Pérez-Escamilla R, et al. (2023). Breastfeeding: crucially important, but increasingly challenged in a market-driven world.
  • Rollins N, et al. (2023). Marketing of commercial milk formula: a system to capture parents, communities, science, and policy.
  • Baker P, et al. (2023). The political economy of infant and young child feeding: confronting corporate power, overcoming structural barriers, and accelerating progress.