Die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten untergräbt gelingendes Stillen.

Muttermilchersatznahrungen sind, ähnlich wie verschreibungspflichtige Medikamente, in manchen Situationen nötig, jedoch mit Nebenwirkungen verbunden und sollten deshalb nicht leichtfertig eingesetzt werden. Muttermilchersatzprodukte sind jedoch ein äußerst profitables Geschäft und werden energisch vermarktet, für alle Babys, ob diese sie benötigen oder nicht.

Der Umsatz für Muttermilchersatzprodukte stieg von weniger als 15 Milliarden USD im Jahr 1998 auf 44,8 Milliarden USD im Jahr 2014 und auf rd. 70,6 Milliarden USD im Jahr 2019, mit weiter steigender Tendenz. Für die Vermarktung wurden 2015 schätzungsweise 4,9 bis 7,2 Milliarden USD eingesetzt – unter Berücksichtigung der Personal- und Verwaltungskosten dürften es bis zu 17 Milliarden USD gewesen sein (Save the Children). Auf jeden Fall steht den Firmen sehr viel Geld zur Verfügung, um den Verkauf anzukurbeln.

Das geht auf Kosten des Stillens. Je weniger und je kürzer Mütter stillen, desto mehr Muttermilchersatz kann verkauft werden. Und umgekehrt: Eine Mutter, die ausschließlich stillt und danach neben der Beikost weiter stillt, braucht keinen Muttermilchersatz. Die Verkaufsförderung für Muttermilchersatznahrungen beeinflusst unsere Entscheidungen bei der Säuglingsernährung (WHO und UNICEF 2022) und untergräbt gelingendes Stillen.

Die Strategien sind vielfältig (siehe Hastings et al.  und Save the Children). Die erste Strategie zielt darauf ab, die Firmen als verlässliche Partner der Mütter darzustellen, die auf die Bedürfnisse der Mütter eingehen, Lösungen für ihre Probleme anbieten und ihre Erwartungen in Bezug auf die kindliche Entwicklung erfüllen. Gleichzeitig wird die Bedeutung des Stillens heruntergespielt. Mit Schwangerschafts-Apps, Hotlines und Babyclubs werden langfristige Beziehungen aufgebaut. Die sozialen Medien spielen dabei eine immer größere Rolle.

Direkte Ansprache von Schwangeren und Müttern über das Internet ist für die Firmen kostengünstig und zielgenau (siehe Studie der WHO zum Digital Marketing).

Ein weiteres zentrales Element ist die Vermarktung über das Gesundheitssystem. Die Firmen bauen Beziehungen zu den Mitarbeitenden auf. Das läuft über persönliche Geschenke, kostenfreie Arbeitsmaterialien, gesponserte Fortbildungen oder Auslobung von Preisen. Wissenschaftler*innen und andere Meinungsführer*innen werden über Sponsoring für Studien oder Honorare für Vorträge gewonnen.  Berufsverbände erhalten finanzielle Unterstützung. Die Firmen zeigen sich Seite an Seite mit renommierten Fachleuten und gewinnen dadurch an Renommee und an Akzeptanz bei den Mitarbeitenden.

Die Firmen platzieren ihre Produkte in Kliniken und Praxen: Uhren, Kalender, Thermoskannen, etc. Und sie benutzen die Mitarbeitenden als Verteilstellen für ihre Produkte und Werbematerialien. Das fängt am Anfang der Schwangerschaft mit Mutterpasshüllen an und geht weiter mit Produktproben und Werbematerialien wie Brotdosen. Das Vertrauen, das die Eltern den Mitarbeitenden im Gesundheitswesen entgegenbringen, färbt damit auf die Firmen und deren Produkte ab.

Bei den Mitarbeitenden erzeugt dies Interessenkonflikte.

Literatur